Mindset & Trends

28. April 2022

Gastbeitrag: Lean Management, Holacracy und EOS – Fluch oder Segen?

In den vergangenen Jahrzehnten begegnete Andreas Käppeli vielen Organisations- und Managementsystemen. Manche verschwanden rasch wieder, andere sind heute noch in Gebrauch. Der folgende Text gibt einen (unvollständigen und subjektiven) Überblick.

Andreas Käppeli

Werte schaffen ohne Verschwendung

Wie ein Sturm fegte Lean Management in den Siebziger- und Achtzigerjahren durch Amerikas und Europas behäbige Fabrikhallen. Die Grundsätze der schlanken Produktion versetzten die westliche Welt in einen Schockzustand. Allen voran die Autoindustrie. Japan flutete mit tiefpreisigen Fahrzeugen von hoher Qualität die Märkte, gefolgt von Unterhaltungselektronik und Foto- und Filmkameras. Hatten wir uns nicht eben erst schenkelklopfend amüsiert, wenn Japaner:innen in Rudeln an Messen auftauchten und alles fotografierten, was ihnen vor die Linse kam? Das Lachen blieb uns im Halse stecken. Pilgerten doch ab da ganze Busladungen westlicher Manager:innen ins Land der aufgehenden Sonne, um den von Toyota entwickelten revolutionären Produktionsprozess in deren Fabriken zu studieren. 

Worum geht’s?

Lean Management will alle Aktivitäten, die für die Wertschöpfung notwendig sind, optimal aufeinander abstimmen und überflüssige Tätigkeiten (Verschwendung, japanisch „muda“) vermeiden. Die bestehenden Prozesse werden aus zwei Perspektiven überprüft und verbessert: Erstens aus der Sicht der Kund:innen. Deren Wünsche nach Verfügbarkeit, Individualität, Qualität und Preisgestaltung sollen erfüllt werden und zweitens aus der Sicht des Unternehmens selbst, das profitabel funktionieren und seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern muss.

Ein Managementkonzept jagt das nächste

Anfangs der Neunziger pflügten ISO 9000 und ISO 14000 die Unternehmenswelt von neuem um. Die Norm sollte die Qualität verbessern, stabilisieren und Fehler leicht rückverfolgbar machen. Manager:innen lechzten geradezu nach ISO-Zertifikaten, weil sie glaubten, sie könnten sich damit Wettbewerbsvorteile verschaffen. Weiter ging’s mit Delivery on Demand: Niemand sollte mehr auf Halde produzieren. Kund:innen in New York City fragten mich damals, ob wir eine Just-in-time-Lieferung garantieren könnten. Führen mit Zielen (MBO Management by Objectives), hart bedrängt durch Total Quality Management, war der nächste von Unternehmensberater:innen ausgerufene Hype. Weiter ging’s mit Marketingorientierter Unternehmensführung und Kundenzentrierung. Und seit wenigen Jahren stehen Holacracy und EOS (Entrepreneurial Operating System) im Vordergrund. Obwohl die genannten Konzepte unterschiedliche Ziele verfolgen, schwingt bei allen die Idee mit, Unternehmen und Organisationen einfacher zu steuern und zu managen.

Gefangen im Hamsterrad

Auch kleine Unternehmen können von den genannten Konzepten profitieren. Allerdings müssen sich Manager:innen von KMU, im Unterschied zu grossen Unternehmen, die nötige Zeit für den Aufbau oft aus den Rippen schneiden. Zeit ist meist die höchste Hürde, denn ausgelaugt von langen Arbeitstagen fehlt ihnen oft die Lust und Energie für unternehmerische Initiativen und Impulse.

Generation X und Y

Jüngere Unternehmensleiter:innen betrachten berufliche Tretmühlen nicht mehr als unabänderliches Schicksal. Sie streben nach einer ausgeglicheneren Balance zwischen Beruf und Privatem. Deshalb wecken besonders Holacracy und EOS ihr Interesse, denn die damit verbundenen Organisations- und Arbeitsformen entlasten und bieten mehr Raum für unternehmerische Initiativen. Zudem erlauben sie, Rollen und Aufgaben an Mitarbeitende zu delegieren, die unabhängig von hierarchischen Positionen qualifiziert und erfahren sind. Anwender:innen von Holacracy und EOS berichten jedenfalls, dass die Zufriedenheit der Mitarbeitenden und die Effizienz des Unternehmens steige.

Nur für Entdecker

Der Publishing Business Club bietet Unternehmensleiter:innen von KMU zweimal jährlich einen Treffpunkt fern ab vom Trubel des Tagesgeschäfts. Die Teilnehmenden pflegen ein Netzwerk, besuchen Unternehmen und beschäftigen sich mit unternehmerischen Themen. Einblicke ins Lean Management gewährte der Badewannenhersteller Schmidlin in Oberarth. Holacracy war Thema bei einem Besuch bei Liips in Fribourg und Freitag Taschen in Zürich.

Die nächste Business Safari

Am 16. Mai 2022 lernen wir das Entrepreneurial Operating System (EOS) bei Previon Plus AG in Aarau kennen. Inhaber Roger Wernli und sein Team erlauben uns bei einem Besuch Einblicke in ihr EOS. Wir sind gespannt.

Autor: Andreas Käppeli begleitet seit über zwanzig Jahren KMU rund um Marketing und Verkauf. Gleichzeitig leitet er seit dreizehn Jahren den Publishing Business Club, einen Treffpunkt für Leader:innen aus der Medienproduktion. Info: pbusinessclub.ch.

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